"Darf's ein bißchen mehr sein?" oder die Frage nach dem Sportwagen im 107er
Unna (wd) Wie oft kam Erregung über die Gemeinde wenn es um die Frage ging, ob der 107 nun ein Sportwagen sei oder nicht! Die zeitgenössischen Testberichte geben uns hier eine passende Auskunft, hier habe ich ein Exemplar in meinen Unterlagen gefunden in dem ich jetzt ein wenig lesen werde.
Der Vergleich befasst sich mit 4 großartigen Sportwagen die dem Fan die Freizeit versüßen sollten, als ärgerlich empfinde ich es allerdings immer wieder, dass die SL Exemplare mit der Sprit sparenden langen Übersetzung durch Test laufen mussten, sie leiden sehr unter eben diesen ellenlangen Getriebestufen, müssen sie doch mit 3 automatischen gegen 5 mechanische Schaltstufen ankämpfen, die 3. Gangstufe beim SL reicht bis an die Höchstgeschwindigkeit und die 4. und Letzte ist eine reine Reisesbenzinsparstufe!
Ein frühes Exemplar des 500er würde da anders abschneiden, doch lassen wir das erst einmal beiseite und schauen uns den alten Bericht an.
Man stellte hier hochkarätige Sportwagen nebeneinander, zwei der harten und zwei der etwas softeren Fraktion, es handelt sich auf der hemdsärmligen Seite um den Porsche Carrera 911
und seinem italienischem Gegenstück, dem Ferrari Mondial, beides Sportler erster Güte, kraftvoll und nahezu kompromisslos auf ihre Bestimmung gebaut!
Dann haben wir die beiden Softies, den Jaguar XJ-SC und unseren guten Freund mit der Bezeichnung 500SL.
Sehen wir uns die vier Kraftprotze mal genau an, richtig sportlich kommen die Harten daher, so wie sie fahren sehen sie aus, gebaut für die Freude am Fahren, hart gefedert und mit röhrenden Motoren machen sie einfach Laune und Lust auf mehr. Der 911 immer und überall sofort als 911 erkennbar ändert sich in seinen Grundzügen nie und das ist gut so, entstanden aus dem Käfer hat er dieses Antriebskonzept bis heute behalten, kleiner Kofferraum vorn und luftgekühlter Boxermotor hinten. Ein vorzüglicher Boxer allerdings, mit einem unvergleichlichem Klang erfreut er seinen Besitzer, heiser fauchend bringt er satte 231 PS zustande die ihn in und seine Insassen auf über 240 Km/h beschleunigen, ein gut schaltbares 5 Gang Getriebe hilft dabei die Leistung sauber auf die Straße zu bringen. Ein Stadtauto oder der ideale Freund für die große Urlaubstour ist der Wagen sicher nicht, ein kerniger Kumpel für die Hatz durch die Kurven aber sicher, auf der BAB macht ihm hingegen das Antriebskonzept zu schaffen, einen so sturen Geradeauslauf wie ein Frontmotorauto wird man von ihm auch nie verlangen, dennoch heult er mit großer Dominanz über den geraden Asphalt und verweist die meisten anderen Fahrzeuge auf die Plätze.
So solide wie ein Porsche daher kommt, kann ein italienisches Auto niemals erscheinen, es wird immer zierlicher und verspielter wirken, zerbrechlich und mimosenhaft will es geliebt und sorgsam gepflegt werden, zickig die Technik doch betörend schön und aufwendig angerichtet, fesselt es den Besitzer auf eine völlig andere Art und Weise. Vier oben liegende Nockenwellen, 24 Ventile und 8 Zylinder spielen ein gänzlich anderes Lied als der Boxer. Mit hellem Kreischen katapultiert er seine Piloten voran, kaum schneller als der Porsche aber völlig hysterisch, irgendwie aufgeregter, da wo der Porsche zornig faucht, schreit der V8 sein Lied voller Lust heraus und er hat zudem den besseren Aufmerksamkeitsfaktor, mal ehrlich, wer drehte sich damals und dreht sich noch heute nach einem 911er um? Der Fan und der Kenner, einem Ferrari blickt fast jeder nach, alt und jung, Männlein und Weiblein….der Klang ist so ungewöhnlich, die Form so exotisch das man einfach hinsehen muss was denn da vorbei fliegt.
Sportlich sind beide Autos, der Ferrari halt ein bisschen mehr, dafür wirkt der Porsche nicht so zerbrechlich, in den reinen Fahrleistungen nehmen sie sich nichts, Fahrmaschinen für den Sportsmann waren sie einst und sind sie noch heute!
Kommen wir nun zu den beiden Nobelsportlern, Nobel auch wenn der Ferrari 30 bzw. 40000 Märker mehr gekostet hat als Mercedes bzw. Jaguar! Nobel deshalb weil die Art der Fortbewegung eine andere ist, ebenfalls mit überschäumender Kraft und entsprechenden Fahrleistungen gesegnet, verschonen sie das Fahrerohr mit überschwänglichen Lebensäußerungen, die Insassen fühlen sich geborgen und sicher in den Autos.
Man sitzt höher, rückenfreundlich bequemer und alles ist ein wenig so wie daheim im der guten Stube.
Dies gilt vor allem für den Jaguar, edles Holz und feines englisches Leder prägen den Innenraum, nüchterne Zweckmäßigkeit wie im SL sucht man hier vergebens, die Einrichtung würde ebenso in ein Kaminzimmer passen, wohnlich und warm wird dieses Kaminzimmer allerdings von einem überaus leistungsfähigem, knapp 3,6 Liter starkem 6 Zylinder Reihenmotor befeuert und auf über 220 Km/h getrieben! Eine hakelige und unpräzise 5Gang Schaltbox kann den Spaß nur wenig vermiesen weil wenigstens die Servolenkung nun ein gutes, wenn auch nicht perfektes Gefühl vermittelt, den Wendekreis eines Stadtbahnzuges verzeiht man diesem ansonsten noblem Spaßauto gern.
Das deutsche Gegenstück zum Jag ist der Typ 107, den wir alle kennen und lieben! Er kommt formal ausgeglichener als der Jaguar und auch weit unauffällig und bodenständiger daher als die beiden harten Brüder, er wirkt stabil, wertig und so eigenständig wie der Jaguar dabei aber halt Urdeutsch, noch "Made in Germany" halt. Auch nobel ja, doch weniger übertrieben bequem, auch wohnlich, doch nüchterner und funktioneller, alles in allem möchte man sagen, ein Auto das man auf Maß kauft, ohne damit prahlen zu wollen. Es ist eine interessante Karosse die nur auf den ersten Blick glatt und gebügelt wirkt, sie hat mehr betrachtenswerte Details als man zunächst ahnt, Chrom dort wo er nicht protzig wirft, Wölbungen wo man sie nicht erwartet und eine schlichte Eleganz die auch nach vielen Jahren weder langweilig noch altbacken wirkt, sie wird immer eigenständig und 107 typisch sein.
Leise wie im Jag der Reihensechser summt hier aber der mächtige V8 vor sich hin, nichts lässt erahnen welche Kraft in ihm steckt, dies wird erst offenbar, wenn der Fahrer das rechte Pedal sanft nieder drückt, leise aber gut vernehmbar die Stimme erhebend setzt er sich mit sanfter Gewalt, die nichts aufzuhalten vermag, in Bewegung, Drehzahlen sind ihm fremd, er schöpft aus den Vollen! Er wirkt ein wenig so wie ein großes Segelboot gegen eine flinke Jolle, behäbig aber ungeheuer kraftvoll zieht er los, bei Vollast ohne Übergas rollt er im zweiten Gang an und bleibt dort bis ca. 133 Km/h, dann greift der dritte Gang zu und beschleunigt bis zu seiner Höchstgeschwindigkeit bis etwa 220 Km/h. So hat er, ignoriert man den Kick Down, nur zwei automatische Gänge statt der fünf Mechanischen seiner Gegner zur Verfügung, selbst bei Übergas wird es nur ein Gang mehr, es steht dann also 5:3 für die Anderen.
Das der schwere Wagen hier auf dem Papier unterlegen erscheint, wundert wohl niemanden der sich mit Technik so halbwegs aus kennt, mich würde es aus diesem Grund freuen, hätte man damals den 500er mit der passenden Übersetzung genommen, denn im Verhältnis 5:4 für seine Kontrahenten hätte er bei den Fahrleistungen sicher erheblich besser da gestanden!
Wie dem auch sei, es ist eine ruhige aber dennoch kraftvolle Art der Fortbewegung, Leistung satt in allen Lagen, einem Porsche oder gar Ferrari durch enge Kurven zu folgen ist nicht seine Bestimmung, ruhiges Gleiten liegt ihm mehr, wenn er auch zur böse knurrenden Furie werden kann……und er kann eines was die Gegner nicht können, er kann sich anpassen, vom sparsamen 300 über die sportlichen 350/380 bis zu dem Hubraumriesen der 560er ist für jeden etwas dabei, das macht ihn so wertvoll, unseren 107!
Anmerkung des Redakteurs: die verwendeten Fotos wurden ausnahmslos der deutschen wikipedia entnommen und sind dort als gemeinfrei gekennzeichnet, dürfen also unter Hinweis auf die Quelle verwendet werden. Leider konnte ich keine passenden frei verwendbaren Cabrios finden...
Text/Fotos:
Willy Damrath